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Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien


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Nachwuchsgruppe ›Die wissenschaftliche Produktion von Wissen über Migration‹

Förderung: Niedersächsisches Vorab der VolkswagenStiftung
Laufzeit: 1. Januar 2019 - 31. März 2024
Leitung: Dr. Isabella Löhr und PD Dr. Christiane Reinecke
Projektmitarbeiter*innen: Dr. des. Inken Bartels, Philipp Schäfer und Dr. Laura Stielike

Die Nachwuchsgruppe analysiert die Bedingungen und Folgen der wissenschaftlichen Produktion von Wissen über Migration. Im Zentrum der gemeinsamen Arbeit stehen die Praktiken der Produktion und Zirkulation von Wissen über die räumliche Bewegung von Menschen, die jeweils an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik, Verwaltung und Gesellschaft untersucht werden. Mit der Nachwuchsgruppe wollen wir zu einem vertieften Verständnis von gesellschaftlichen Selbstverständigungsprozessen und Praktiken im Umgang mit Migration und Differenz beitragen und reflexive Perspektiven für die historische, sozial- und kulturwissenschaftliche Migrationsforschung erarbeiten. Der oftmals aus unterschiedlichen Disziplinen gespeisten Auseinandersetzung mit der räumlichen Bewegung von Menschen versuchen wir durch ein transdisziplinäres, dialogintensives und kooperatives Arbeiten gerecht zu werden.

Konzeptionell beruht die Arbeit der Nachwuchsgruppe auf drei Säulen: Erstens begreifen wir die Produktion und Zirkulation von Migrations- und Mobilitätswissen als einen transnationalen, von Verflechtungen und Übersetzungen geprägten Prozess, der zwar in national verfasste Öffentlichkeiten und Wissenschaftslandschaften eingelassen ist, der wesentliche Impulse aber von transnational agierenden Akteuren und Institutionen erhält.  Zweitens arbeiten wir mit einer historisch-kritischen Perspektive auf Ordnungskategorien, Begriffe und Daten, die den Umgang mit Migration und Mobilität prägen. Auf diese Weise können wir aktuellen Problematisierungen historische Tiefenschärfe verleihen, sie denaturalisieren und gesellschaftstheoretisch reflektieren. Drittens orientieren wir uns an einer praxeologischen Vorgehensweise. Dazu greifen wir Anregungen aus der neueren Wissens- und Wissenschaftsforschung auf und untersuchen die Produktion von Migrationswissen als einen situierten, in spezifische Praktiken, Netzwerke und Institutionen eingelassenen Prozess, der sich im Austausch mit anderen Feldern und außerwissenschaftlichen Akteuren vollzieht.

Projekte

„Was zählt? – Die statistische Produktion von Wissen über Migration in Westafrika“

Dr. des. Inken Bartels

Seit der sogenannten Migrationskrise 2015 fordern diverse Akteure aus Politik, Medien und Wissenschaft eine vermehrte und verbesserte Produktion wissenschaftlichen Wissens über globale Migration. Die steigende Nachfrage nach „wissenschaftlichen Daten“ und „Fakten“ verweist dabei vor allem auf ein Bedürfnis nach umfassenden Statistiken, messbaren Indikatoren und präzisen Vorhersagen globaler Migrationsbewegungen. Auf der Basis quantitativer Wissensformate, so die verbreitete Annahme, ließe sich Migration zukünftig nicht nur präziser voraussagen, sondern auch weitsichtiger und effizienter steuern. Migration auf dem afrikanischen Kontinent rückt dabei zunehmend in den Mittelpunkt internationalen Interesses. Das Forschungsprojekt untersucht die Produktion der geforderten „Zahlen und Fakten“ über Migrationsbewegungen in und aus Westafrika. Zwei zusammenhängende Forschungsfragen stehen dabei im Zentrum der Analyse: Durch welche Praktiken wird statistisches Wissen über Migration hergestellt? Und wie werden die produzierten Daten in der sozialen Interaktion unterschiedlicher Akteure zu „wissenschaftlichen Fakten“ und somit in anderen gesellschaftlichen Bereichen wirkmächtig? Es geht also im doppelten Sinne um die Frage, was zählt. Diese Fragen untersuche ich aus praxeologischen, transnationalen und postkolonialen Perspektiven, welche methodisch in einer qualitativen, sowohl vergleichend wie auch transnational angelegten, Fallstudie über die Produktion und -zirkulation von quantitativem Wissen in und aus Westafrika umgesetzt werden. Im Sinne einer „Ethnographie der Statistik“ rekonstruiere ich die jeweilige Geschichte und Praxis der statistischen Wissensproduktion am Beispiel von Senegal und Gambia.

„Big Data, das Regieren von Migration und die Produktion von Wissen“

Dr. Laura Stielike

Das Forschungsprojekt fragt danach, wie der zunehmende Einsatz von Big Data zur Analyse und Steuerung von Migration die Produktion von Wissen über Migration verändert. Am Beispiel des wachsenden transnationalen Netzwerks aus migrationsbezogenen Datenanalysezentren internationaler Organisationen und Datenwissenschaftler*innen an Universitäten und privaten Forschungsinstituten wird im Rahmen einer multi-sited ethnography untersucht, wie Kategorien, Annahmen und Werte aus den Datenwissenschaften, der Kommunikationstechnologie und digitalen Ökonomie in Wissen über Migration einfließen und schließlich in Migrationspolitiken übersetzt werden. Das Projekt erforscht somit die Produktion und Zirkulation von Wissen über Migration an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft und kombiniert dabei Migrationsforschung mit Science and Technology Studies sowie mit Studien zu Wissen und Politik.