IMIS

Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien


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Nachwuchsgruppe ›Die wissenschaftliche Produktion von Wissen über Migration‹

Förderung: Niedersächsisches Vorab der VolkswagenStiftung
Laufzeit: 1. Januar 2019 - 31. März 2024
Leitung: Dr. Isabella Löhr und PD Dr. Christiane Reinecke
Projektmitarbeiter*innen: Dr. des. Inken Bartels, Philipp Schäfer, M.A. und Dr. Laura Stielike

English Version

NEWS: Wir organisieren die internationale Tagung "The Moral Economies of Knowledge Production on Migration: Conflicts, Values, Positionalities", 2. - 4. Dezember 2020, IMIS, Universität Osnabrück. Wir freuen uns über Abstracts bis zum 15. März 2020. Hier geht es zu unserem Call for Papers.

Die Nachwuchsgruppe analysiert die Bedingungen und Folgen der wissenschaftlichen Produktion von Wissen über Migration. Im Zentrum der gemeinsamen Arbeit stehen die Praktiken der Produktion und Zirkulation von Wissen über die räumliche Bewegung von Menschen, die jeweils an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik, Verwaltung und Gesellschaft untersucht werden. Mit der Nachwuchsgruppe wollen wir zu einem vertieften Verständnis von gesellschaftlichen Selbstverständigungsprozessen und Praktiken im Umgang mit Migration und Differenz beitragen und reflexive Perspektiven für die historische, sozial- und kulturwissenschaftliche Migrationsforschung erarbeiten. Der oftmals aus unterschiedlichen Disziplinen gespeisten Auseinandersetzung mit der räumlichen Bewegung von Menschen versuchen wir durch ein transdisziplinäres, dialogintensives und kooperatives Arbeiten gerecht zu werden.

Konzeptionell beruht die Arbeit der Nachwuchsgruppe auf drei Säulen: Erstens begreifen wir die Produktion und Zirkulation von Migrations- und Mobilitätswissen als einen transnationalen, von Verflechtungen und Übersetzungen geprägten Prozess, der zwar in national verfasste Öffentlichkeiten und Wissenschaftslandschaften eingelassen ist, der wesentliche Impulse aber von transnational agierenden Akteuren und Institutionen erhält.  Zweitens arbeiten wir mit einer historisch-kritischen Perspektive auf Ordnungskategorien, Begriffe und Daten, die den Umgang mit Migration und Mobilität prägen. Auf diese Weise können wir aktuellen Problematisierungen historische Tiefenschärfe verleihen, sie denaturalisieren und gesellschaftstheoretisch reflektieren. Drittens orientieren wir uns an einer praxeologischen Vorgehensweise. Dazu greifen wir Anregungen aus der neueren Wissens- und Wissenschaftsforschung auf und untersuchen die Produktion von Migrationswissen als einen situierten, in spezifische Praktiken, Netzwerke und Institutionen eingelassenen Prozess, der sich im Austausch mit anderen Feldern und außerwissenschaftlichen Akteuren vollzieht.

Projekte

Was zählt? – Die statistische Produktion von Wissen über Migration in Westafrika

Dr. des. Inken Bartels

Seit der sogenannten Migrationskrise 2015 fordern diverse Akteure aus Politik, Medien und Wissenschaft eine vermehrte und verbesserte Produktion wissenschaftlichen Wissens über globale Migration. Die steigende Nachfrage nach „wissenschaftlichen Daten“ und „Fakten“ verweist dabei vor allem auf ein Bedürfnis nach umfassenden Statistiken, messbaren Indikatoren und präzisen Vorhersagen globaler Migrationsbewegungen. Auf der Basis quantitativer Wissensformate, so die verbreitete Annahme, ließe sich Migration zukünftig nicht nur präziser voraussagen, sondern auch weitsichtiger und effizienter steuern. Migration auf dem afrikanischen Kontinent rückt dabei zunehmend in den Mittelpunkt internationalen Interesses. Das Forschungsprojekt untersucht die Produktion der geforderten „Zahlen und Fakten“ über Migrationsbewegungen in und aus Westafrika. Zwei zusammenhängende Forschungsfragen stehen dabei im Zentrum der Analyse: Durch welche Praktiken wird statistisches Wissen über Migration hergestellt? Und wie werden die produzierten Daten in der sozialen Interaktion unterschiedlicher Akteure zu „wissenschaftlichen Fakten“ und somit in anderen gesellschaftlichen Bereichen wirkmächtig? Es geht also im doppelten Sinne um die Frage, was zählt. Diese Fragen untersuche ich aus praxeologischen, transnationalen und postkolonialen Perspektiven, welche methodisch in einer qualitativen, sowohl vergleichend wie auch transnational angelegten, Fallstudie über die Produktion und -zirkulation von quantitativem Wissen in und aus Westafrika umgesetzt werden. Im Sinne einer „Ethnographie der Statistik“ rekonstruiere ich die jeweilige Geschichte und Praxis der statistischen Wissensproduktion am Beispiel von Senegal und Gambia.

Rechtspluralismus und die Produktion von (Un-)Wissen über Migration in Europa

Dr. Isabella Löhr

Mobile Personen und Gruppen provozieren durch ihre Bewegung, durch ihre rechtliche Zugehörigkeit zu mehreren Gesellschaften und durch die Normen und Werte, die sie ihrem Handeln an verschiedenen Orten zugrunde legen, Konflikte um die Geltung von Rechtsordnungen und Normsystemen. Das gilt insbesondere für das Erb- und Vermögensrecht, das Familienrecht oder das Recht der Staatsangehörigkeit. Diese konfligierenden Normen und Praktiken stießen im 20. Jahrhundert auf ein expandierendes internationales bzw. europäisches Recht auf der einen und auf national definierte Rechtsordnungen auf der anderen Seite, wobei letztere geprägt waren (und sind) von einer juristischen Selbsterzählung, die die Geschlossenheit und normative Permanenz des je eigenen Rechts hervorhebt. In einer historisch-kritischen Perspektive untersucht das Teilprojekt die Produktion und Zirkulation von rechtlichem Wissen über Migration anhand der Frage, mit welchen Begriffen, Kategorien und sprachlichen Mitteln von Migration geprägte gesellschaftliche Beziehungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geordnet und in rechtliche Leitvorstellungen übersetzt wurden. Im Zentrum stehen die Wissensbestände und Praktiken, mit denen zeitgenössische Akteure die juristischen Effekte von Migration problematisierten, einordneten und bisweilen unsichtbar werden ließen, und mit denen sie die Grenze zwischen rechts- und sozialwissenschaftlichen Beschreibungen von Migration und Mobilität immer wieder neu zogen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Rechtsstreit. Angelehnt an Ansätze der kulturwissenschaftlichen Rechtsforschung, der Migrationsforschung, an Arbeiten zur boundary-work und den Science and Technology Studies untersucht das Projekt diese Fragen im Kontext der postkolonialen Migrationsbewegungen nach Frankreich und Großbritannien ab den 1960er Jahren und im Kontext der Anwerbung sogenannter Gastarbeiter in Deutschland.

Scripting (Dis)Integration: A Multi-Sited History of ‘Ethnic’, ‘Religious’ and ‘Racial Segregation’

PD Dr. Christiane Reinecke

Das Teilprojekt befasst sich historisch-genealogisch mit den Differenzkategorien, die im fortgeschrittenen 20. und 21. Jahrhundert meist an erster Stelle zur Ordnung von Wanderungsprozessen und ihren Effekten eingesetzt wurden. Das wissenshistorische Projekt nähert sich der Produktion von Wissen über Migration damit anhand jener Kategorien, die vermehrt die Differenzerfahrung beschreibbar machen sollten, die mit Migration oftmals verbunden wurde. Es konzentriert sich dabei auf urbane Räume als Arenen der verdichteten Beobachtung von unterschiedlichen Mobilitäten und Zugehörigkeiten. Dass die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkt von sozialwissenschaftlichen Wissensbeständen geprägt war, bildet eine zentrale Annahme des Projekts. Orientiert an Ansätzen der Akteur-Netzwerke-Theorie folgt die Analyse daher der transnationalen Zirkulation von sozialwissenschaftlichen Kategorien und deren Übersetzung in unterschiedliche lokale Kontexte, in urbane Wohn- und Sozialpolitiken, lokale Migrationsregime sowie aktivistische Zirkel. Auch fragt sie danach, wie sich wissenschaftlich generierte Beschreibungskategorien zu den Selbstbeschreibungen der damit benannten Gruppen verhielten. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Praktiken, die sich in Kapstadt, London und Paris um die Begriffe der „Segregation“, „Durchmischung“ und „Integration“ sowie die damit verknüpften sozialwissenschaftlichen Kategorisierungen und Quantifizierungen urbaner Bevölkerungen gruppierten.

Policing Knowledge. Die umkämpfte Produktion und Zirkulation polizeilichen Wissens über Migration

Philipp Schäfer, M.A.

Ob an der Grenze, über Grenzen hinweg oder im Innern von Nationalstaaten – die Polizei ist eine zentrale Akteurin in der Produktion und Zirkulation von Wissen über Migration und Migrant*innen. Dass diese Wissensproduktion und -zirkulation umstritten ist, haben unter anderem die turbulenten Dynamiken des sogenannten langen Sommers der Migration gezeigt, als die grenzüberschreitenden Praktiken Migrierender polizeiliche Institutionen, Akteur*innen und Prozesse fast täglich von Neuem herausforderten und veränderten. Das Teilprojekt fragt danach, wie sich die Polizei ein Bild der migrationsbedingt im dauerhaften Wandel befindlichen gesellschaftlichen Verhältnisse verschafft. Mit welchen Akteur*innen geht sie mehr oder weniger konfliktreiche Konstellationen ein, welche Wissensformen sind für sie von Relevanz und welche Bedeutung haben dabei insbesondere wissenschaftliche Expertisen? Und umgekehrt: Wie integrieren und übersetzen wissenschaftliche Forschungen polizeiliches Wissen über Migration und welche konflikthaften Deutungsverschiebungen lassen sich dabei
 beobachten? Der umkämpften Produktion und Zirkulation von Wissen über Migration spürt das Forschungsprojekt anhand ethnographischer Feldforschungen in verschiedenen europäischen und außereuropäischen Regionen aus einer transnationalen Perspektive nach.

Big Data, das Regieren von Migration und die Produktion von Wissen

Dr. Laura Stielike

Das Teilprojekt fragt danach, wie der zunehmende Einsatz von Big Data zur Analyse und Steuerung von Migration die Produktion von Wissen über Migration verändert. Am Beispiel des wachsenden transnationalen Netzwerks aus migrationsbezogenen Datenanalysezentren internationaler Organisationen und Datenwissenschaftler*innen an Universitäten und privaten Forschungsinstituten wird im Rahmen einer multi-sited ethnography untersucht, wie Kategorien, Annahmen und Werte aus den Datenwissenschaften, der Kommunikationstechnologie und digitalen Ökonomie in Wissen über Migration einfließen und schließlich in Migrationspolitiken übersetzt werden. Das Projekt erforscht somit die Produktion und Zirkulation von Wissen über Migration an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft und kombiniert dabei Migrationsforschung mit Science and Technology Studies sowie mit Studien zu Wissen und Politik.